Interkultureller Austausch Halle

Viele Menschen im Mittleren Osten hegen den Traum einmal in Deutschland zu studieren oder zu leben. Sie arbeiten hart, um dieses Möglichkeit herbeizuführen. Viele bürokratischen Hürden liegen auf ihrem Weg, hinzu kommt ein Stapel von Dokumenten, der notwendig ist, um zu beweisen, dass man eine recht große Summe an Geld besitzt – ganz zu schweigen von der langen Wartezeit, die dieser Prozess mit sich bringt. Um mit Mark Twains Worten zu spielen: Ein Reicher kann die halbe Welt bereisen während der Arme sich gerade die Schuhe anzieht.

Nachdem AusländerInnen ihr Visum erhalten haben, sind sie schon ganz aufgeregt nach Deutschland zu kommen. Sie geben sich ihren Fantasien eines besseren Lebens hin und planen was sie tun und sehen werden, wenn sie einmal angekommen sind. Sie stellen sich vor, was sie alles erreichen können. Natürlich wissen viele von ihnen nicht, was es bedeutet in einem fremden Land zu leben und die neuen Erfahrungen sind wie Wasser auf ihre Zuckerträume. Nicht alle Menschen erhalten die Möglichkeit nach Europa zu reisen. Viele AntragsstellerInnen, die ein Visum bekommen haben schon eine gute Ausbildung genossen oder Kapital angehäuft, was oft die Voraussetzungen sind, um überhaupt nach Europa zu kommen. Auch Flüchtlinge kommen nur, wenn sie sich die teure Überfahrt und Reise leisten können.

Von dem Moment an, in dem wir Ausländer in Deutschland angekommen sind, werden wir mit großen Veränderungen konfrontiert: Die Menschen sind anders, die Kultur ist anders, die Art Dinge in Angriff zu nehmen ist komplett anders. Viele der Erwartungen unterscheiden sich tiefgreifend von der Realität. Manche Menschen finden Arten und Wege die deutsche Kultur anzunehmen, während sie das aufrechterhalten, was ihnen lieb und teuer ist. Sie beginnen ihr Leben so zu gestalten wie es in der hiesigen Region der Welt angegangen wird. Andere wiederum lehnen die neue Kultur ab und isolieren sich. Sie verkehren nur mit Menschen aus ihrer Heimat und bilden eine Enklave, die weder Deutsch noch den Werten und Umfeld ihrer Heimat entspricht. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sich sehr gut in ihre neue multikulturelle Umgebung integrieren und gerne dort leben.

Jedoch sind manche Studenten und Ausländer auch einsam. Das Alleinsein wirkt sich auf ihre ganze Psyche aus. Sie bevorzugen es, sich nicht mit Deutschen einzulassen aus Angst vor neuen Erfahrungen, die sie überfordern könnten, oder  einfach weil sie die kulturellen und sozialenGepflogenheiten durch die sie am sozialen Leben teilhaben könnten nicht kennen oder verstehen. Es ist manchmal einfacher ein Leben zu führen das so nicht mehr besteht.

Einige Menschen, die sich abschotten fangen an Vorurteile zu entwickeln. Manche denken, dass alle Deutschen verschlossen sind, sich nicht um andere kümmern oder ihre Kultur sie dazu prädestiniert sich nicht mit Menschen einzulassen, die sie nicht kennen. Die Entwicklung solcher Vorurteile führt dann dazu, dass das Leben der Ausländer in Deutschland sich immer schwieriger gestaltet. Manchmal sogar können solche Vorurteile die Fähigkeit sich in die deutsche Kultur und Gesellschaft zu integrieren erheblich erschweren.

Genauso gibt es Deutsche, die Vorurteile gegen Ausländer hegen. Sie haben etwa falsche Vorstellungen davon, dass Ausländer nicht gebildet wären, sich nicht auf Deutsch unterhalten könnten, sie ihnen ihre Arbeit, ihr Geld und die Sozialleistungen die Deutschen zustehen wegnehmen könnten. Manche Menschen nehmen eine Perspektive „wir gegen sie“ ein, anstatt „wir alle zusammen“ in den Vordergrund zu rücken.

 Manche Deutschen etwa haben Angst vor den fremden kulturellen und religiösen Einflüssen. Diese Angst gründet in der Annahme, dass es nur eine Kultur zu einer Zeit geben könne. Damit meine ich, dass manche Menschen annehmen, dass sich Kulturen früher nie gegenseitig beeinflusst haben und es zu einer früheren Zeit nur „eine“ Kultur an einem Ort , zu einer Zeit gab.Aus diesen Gründen halten manche Deutsche Distanz zu Ausländern und zeigen kein Interesse mit Ausländern zu kommunizieren oder sich gar mit ihnen zu befassen. Obwohl manche Deutsche auch einfach schon ihren Freundeskreis etabliert haben und deswegen kein Bedürfnis haben neue Freunde zu finden, scheint es in Deutschland die Auffassung zu geben, dass Vertrauen und das Schließen von Freundschaften viel Zeit benötigt.

Abdu Al Rahman ist 19 Jahre alt und kommt aus Hammah, Syrien. Er ist nach Deutschland gekommen, um hier Deutsch zu lernen. Danach möchte er seinen Bachelorstudiengang in Pharmazie beginnen. Er erzählte mir: „ Ich lebe jetzt seit sechs Monate in Halle, Deutschland. Während der letzten sechs Monate hatte ich selten Kontakt mit Deutschen. Als ich hier ankam war ich überrascht, da ich immer dachte, ich würde in Deutschland viele neue Leute kennenlernen und Freundschaften schließen. Ich gehe jeden Tag in die Sprachschule und lerne Deutsch, aber es gibt wenige Möglichkeiten die Sprache anzuwenden und mit der Deutschen Gemeinde in Kontakt zu kommen.“

Aber jede Kultur hat ihre eigenen einzigartigen Möglichkeiten, sich mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu befassen und sich in sie einzubringen. Nachdem auch ich fast ein Jahr mit wenig Austausch in der Deutschen Gemeinde lebte, entschied ich mich im November 2014 eine Gruppe für den interkulturellen Austausch zwischen Deutschen und Ausländern in Halle (Saale) ins Leben zu rufen. Die Teilnehmer treffen sich jede Woche zu sozialen und kulturellen Aktivitäten in Halle (Saale). Ziel ist es Deutsche mit Ausländern aus aller Welt in Kontakt zu bringen, um durch das Teilen von Kultur, Sprache, Essen voneinander zu lernen und die Barrieren und Vorurteile, die uns trennen könnten, abzubauen.

Ich war überrascht wie viele Deutsche großes Interesse zeigten den hier lebenden  internationalen Teilnehmern zu helfen und gemeinsam Dinge zu unternehmen. Viele meiner Freunde, die schon vor mir in Deutschland gelebt hatten, sagten mir es sei nicht einfach mit Deutschen in Kontakt zu treten. Das machte mich noch neugieriger darauf eine solche Gruppe zu gründen und zu sehen, ob das wirklich stimmt. Heute kann ich sagen, ich denke sie hatten nicht Recht. Man kann keine Verallgemeinerungen treffen. Menschen sind verschieden. Ich habe viele Deutsche getroffen die sehr offen sind und sich gerne mit Ausländern austauschen. Natürlich gibt es auch immer Menschen, die nicht einmal daran interessiert sind mit dir zu sprechen.cropped-1900730_872270912847932_6927303586158314621_o.jpg

Vincent Grabowski aus Hamburg studiert in Halle (Saale). Er nimmt an der Gruppe für interkulturellen Austausch teil und stellte fest: „Es gibt viele Deutsche, die sich kümmern und Anderen helfen möchten, aber nicht wissen wie und wo sie anfangen sollen. Andere haben einfach nur Angst davor neue Erfahrungen zu machen. In diesem Austausch kann ich anderen internationalen Teilnehmern durch das Schließen von Freundschaften und dem Ausbau ihrer Sprachkenntnisse helfen sich in die deutsche Kultur zu integrieren.“1513297_10200233739241769_6365819890699820779_n

Julian, ein 17-jähriger deutscher Schüler erklärte: „Ich liebe es mit Leuten aus den verschiedenen Teilen der Welt in Kontakt zu treten, weil man so viel über andere Kulturen, unterschiedliche Meinungen und Perspektiven lernen kann, vor allem in politischen Diskussionen. Letztendlich hat diese Erfahrung nicht nur Einfluss auf mein Verhalten und meine Ansichten, sondern auch auf meine Einstellung gegenüber verschiedenen Problemen und der eigenen Kultur. Einmal abgesehen davon, dass ich nun verschiedene Wörter aus anderen Sprachen lerne und neue interessante Persönlichkeiten und Freunde kennenlerne, profitiere sehr von dieser Erfahrung. Ich lerne auch viel über meine Umgebung und mich selbst. Das Gefühl anderen helfen zu können (in diesem Fall beim Integrieren in die Deutsche Gesellschaft) empfinde ich als sehr erfüllend.“11263029_1574263892861939_7414486693664289625_o

Anna Schlenter, eine Jurastudentin an der Martin-Luther Universität in Halle/Wittenberg teilte ihre Ansicht mit uns: „Ich empfinde Ausländer als Bereicherung – nicht nur, weil sie hier als Fachkräfte arbeiten können und so die Qualität von Arbeit steigern, sondern auch aufgrund der kulturellen Bereicherung durch ihren Einfluss auf die Gesellschaft hier. Die typischen Stereotypen etwa handeln oft davon, dass die Menschen hierher kommen, um von unserem Gesundheitssystem zu profitieren anstatt zu arbeiten. Ich aber denke, dass sich Ausländer durch das Lernen der Sprache und das Kennenlernen von Leuten leicht integrieren können. Sie entwickeln dann Beziehungen mit Deutschen, teilen manche Werte und integrieren sich in das soziale Leben.“

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Wie wir von den vielen Stimmen folgern können, ist die Frage der Verantwortung sich in eine Kultur zu integrieren immer eine der Gegenseitigkeit oder „Gemeinschaft.“  Höre niemals damit auf nach Möglichkeiten in deiner Umgebung zu suchen. Gegenseitig mit dem Finger auf einander zu zeigen hilft nicht. Wie in jeder Gemeinde, findet man immer Leute, die Interesse an dir haben und solche, die kein Interesse zeigen. Es wird immer Ausländer geben, die deine Kultur schätzen und Ausländer, die ihre Heimat vermissen und die deine Kultur als befremdlich finden. Viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass man einander nicht kennt, zwischen sich und anderen unterscheidet und nicht fähig oder willens ist Unterschiede zu respektieren. Das Lernen und das Respektieren von Unterschieden zwischen uns bereichert unser Leben.11130464_1565295083758820_6916476239659861082_o

Die Gruppe für interkulturellen Austausch in Halle ist nur eine von vielen Möglichkeiten für Deutsche und Ausländer sich gegenseitig kennenzulernen. Mehr als 30 Deutsche nehmen an unseren wöchentlichen Aktivitäten teil, die alles von Treffen in Cafés, Unterhaltungen und Geselligkeit bis hin zum Grillen und Kochen beinhalten können. Obwohl manche Deutschen Teilnehmer davon berichteten, dass manche Menschen in ihrer Gesellschaft Vorbehalte hegten, wurden wir von allen deutschen Teilnehmern herzlich willkommen geheißen. Wir feiern unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wie Nico Sprenger so gut beobachtete: „ Ich finde unsere Gruppe ‚Interkultureller Austausch‘ ist eine großartige Gelegenheit nicht nur um die Sprachkenntnisse  von Leuten, die Deutsch lernen wollen zu verbessern, sondern auch für uns Deutsche, um mehr über die Welt zu erfahren, was unsere Perspektive auf alle Themen beeinflussen wird. Wir lernen über die Meinungen und Perspektiven von Leuten aus anderen Ländern und das entwickelt wiederum unsere Meinungen und Verstand.“

Diese Erfahrung durch den interkulturellen Austausch hat auch all die Ansichten, die wir Ausländer gegenüber Deutschland, der Kultur und dem Leben in Deutschland teilten, radikal verändert. Veränderungen sind gegenseitige Angelegenheiten. Wichtig ist, die Gelegenheiten, die sich ergeben, beim Schopfe zu packen oder sie gemeinsam zu erschaffen.